Read PageEdit PageEigenschaftenPage HistoryHochladen
Printable View

von Ferdinand Mika

Liebe Gste, liebe Eltern, vor allem aber liebe Schlerinnen und Schler; jetzt darf also auch ich Sie und euch ganz herzlich zu unserer Abschlussfeier begren. Besonders begre ich unseren Ortsvorsteher, Herrn Rben, sowie die Vorstandsmitglieder unseres Schulelternrates,

Es ist blich, dass der Schulleiter an einem solchen Tag eine Rede hlt und obwohl es ein festlicher Anlass ist wird es neben lobenden Worten auch kritische geben.

Auf die Frage, wie aus ihm das geworden sei, was er darstelle, antwortete ein berhmter Wissenschaftler in einem Interview:

Ich habe in meinem Leben viel gelesen und gelernt und das meiste davon wieder vergessen. Aber alles das, auch oder vielleicht sogar insbesondere das, was ich wieder vergessen habe, hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.

Ich wrde euch, liebe Schlerinnen und Schler, natrlich gerade an eurem Abschlussabend nicht von diesem Interview berichten, wenn ich nicht berzeugt wre, dass diese Aussage auch etwas mit euch und mit dem heutigen Abend zu tun htte.

Betrachten wir die Aussage dieses berhmten Mannes etwas genauer:

Er hat viel gelesen und viel gelernt, - und er hat das meiste davon wieder vergessen.

Ich hre an dieser Stelle nun hoffentlich kein Aufatmen, weil ihr aus dieser Aussage folgende Schlussfolgerung zieht: Alles, was wir bisher gelernt haben, knnen wir nun vergessen. Und darber hinaus knnen wir das Lernen und das Lesen sowieso gleich einstellen, weil man ja das meiste ohnehin wieder vergisst.

Wer diese Schlussfolgerung zieht, sitzt einem Missverstndnis auf.

Im Gegenteil: Die tatschliche Aufforderung lautet: Lest viel, lernt viel, denn selbst wenn man das meiste wieder vergisst erweitert jedes gelesene Wort den Erfahrungsbereich des Menschen, formt es seine Persnlichkeit und macht ihn insofern reicher, als er dadurch mehr Mglichkeiten gewinnt, sich auf neue Situationen einzustellen.

In der etwas berraschenden Antwort des Wissenschaftlers auf die Frage versteckt sich also in Wahrheit die Aufforderung, lebenslang zu lernen und zwar trotz des Wissens, dass man vieles davon nicht behlt.

Diese Forderung nach lebenslangem Lernen ist besonders bei Schulentlassungen schon viele, viele Male formuliert worden; sicher immer zu Recht, aber sie war vielleicht auch noch nie so wichtig wie heute.

So lange der Mensch existiert, hat er sich mit Vernderungen, die um ihn herum erfolgten, auseinanderzusetzen gehabt. Er hat sich diesen Vernderungen angepasst und sie gleichzeitig gestaltet, er hat gelernt und sich so weiter entwickelt.

Diese Vernderungen geschahen allerdings allmhlich, ihr Tempo war ber viele Jahrhunderte recht gleichmig, zumindest aber wenig beschleunigt.

Diese Situation hat sich grundlegend gendert:

In immer rascherer Abfolge treten um uns herum nderungen ein. Das, was gestern noch hochmodern und vllig neu war, ist heute schon berholt und veraltet. Man gewinnt zuweilen den Eindruck, als habe sich die Zeit selbst beschleunigt.

Um das, was infolge dieser Beschleunigung auf euch zukommt, seid ihr nicht zu beneiden; ich zumindest beneide euch nicht.

Und da stellt sich zwangslufig die Frage: Seid ihr darauf vorbereitet? Seid ihr von uns darauf vorbereitet worden?

Als ihr vor 6 Jahren zu uns gekommen seid, war dieser Anfang mit Erwartungen, Hoffnungen und Zusagen z. T. stillschweigenden verbunden.

Unsere Zusagen waren etwa folgende:

Wir wollen mit Kindern und Jugendlichen Geduld haben und sie behutsam, aber auch fordernd in der Lebensphase, die vom Kind zum Erwachsenen fhrt, begleiten.

Wie wollen Kinder nicht in Schubladen packen und sie eben nicht viel zu frh nach dem unbestimmten Begriff der Begabung einsortieren, sondern ihnen immer neue Chancen erffnen, damit sie sich persnlich entwickeln und einen hochwertigen Schulabschluss erreichen knnen.

Eure Zusagen etwa waren folgende:

Ich bemhe mich, den Anforderungen, die an mich gestellt werden, gerecht zu werden und einen guten Schulabschluss anzustreben. Dabei will ich sowohl mit den Lehrerinnen und Lehrern als auch mit den Schlerinnen und Schlern so zusammenleben und arbeiten, dass wir dieses Ziel gemeinsam erreichen knnen.

An diesen Zusagen also, die ich hier natrlich nur verkrzt darstellen kann, mssen wir uns heute messen lassen. Und dieses uns meint beide Seiten, sowohl die Schlerinnen und Schler als auch die Lehrerinnen und Lehrer.

In diesem Sinne geht es heute also darum, Bilanz zu ziehen, Bilanz zu ziehen also bezglich der Hoffnungen, der Erwartungen aber auch bezglich der Frage, ob die Zusagen eingehalten wurden.

Obwohl ich natrlich wei, dass jede pauschalisierende Aussage in der Gefahr ist, ungenau zu sein und damit ungerecht zu werden, will ich einige bilanzierende und gleichzeitig differenzierende Feststellungen treffen.

Ich beginne mit dem Erfreulichen:

Viele von euch haben ihre Zusagen mindestens eingehalten, ja, in vielen Fllen habt ihr sie sogar weit bertroffen.

Und es wre falsch, diese Aussage nun lediglich mit der Anzahl der erreichten erweiterten SEK I-Abschlsse oder auch der Realschulabschlsse zu belegen. Die werde ich zwar auch noch nennen, aber nicht an dieser Stelle.

An dieser Stelle ist mir folgendes wichtig:

Manche von euch haben von allem Anfang an mit viel Energie und mit viel Ausdauer zielorientiert gearbeitet. Ihr habt das Pech, dass man das auch vor dem Hintergrund der Vorgeschichte und der Zensuren, mit denen ihr aus euren Grundschulen zu uns gekommen seid, von euch erwarten konnte und musste. Und leider spricht man ber solche Menschen, die die von vorne herein hochgesteckten Erwartungen erfllen, nicht viel, weil man das eben fr selbstverstndlich hlt. Aber das Lob fr euch gilt dennoch uneingeschrnkt; und es trifft nicht wenige.

Andere und auch das sind etliche haben erst im Verlaufe der zurckliegenden Jahre gelernt, die Mglichkeiten, die in ihnen schlummern, auszuschpfen. Ich will das, was ich meine, am Beispiel eines Schlers aus eurer Mitte deutlich machen. Seinen Namen nenne ich natrlich nicht.

Dieser Schler ist vor 6 Jahren von der Grundschule zu uns gekommen mit einer Vier in Mathematik, einer Vier in Deutsch, einer Drei im Sachunterricht und ohne Zensur in der Rechtschreibung, weil er am Frderunterricht teilgenommen hatte und nicht bewertet wurde. Lediglich im Gestaltenden Werken und im Sport waren die Leistungen mit Gut beurteilt. Wie die Prognose bezglich des Abschlusses fr dieses Kind ausgesehen hat, knnen Sie sich alle denken. Er steckte schon im Alter von 10 Jahren in einer Schublade, die bis auf einen kleinen Spalt zugeschlagen war.

Eben dieser Junge verlsst uns heute mit einem Erweiterten Sekundarabschluss I; er hat in allen Kernfchern, also in Mathematik, in Deutsch, in Englisch und in den Naturwissenschaften eine Zwei erreicht; darber hinaus zwei mal eine Eins und nur einmal eine Drei im Zeugnis. Eine beeindruckende individuelle Lerngeschichte.

Ich behaupte nun:

Dieser Junge, der wohlgemerkt nur ein Beispiel fr mehrere andere aus eurer Mitte ist, hat seine Zusagen ohne jede Einschrnkung eingehalten und die an ihn gerichteten Erwartungen objektiv weit bertroffen. Er wird den vielen Vernderungen, die in seinem Leben noch auf ihn zukommen werden, gewachsen sein, weil er gelernt hat, sich den Herausforderungen zu stellen und sie engagiert zu meistern.

Diese Entwicklung war nur mglich, weil auch die Schule ihre Zusagen eingehalten hat, nmlich Geduld zu haben, das Kind nicht in eine Schublade zu packen und ihm durch beharrliches Vertrauen immer neue Chancen zu erffnen. Darauf sind wir stolz und knnen es mit Recht auch sein.

Allerdings, auch das soll heute abend nicht verschwiegen werden: Es gibt auch weniger Erfreuliches zu berichten:

Manche von euch haben sich beharrlich geweigert, sich den Herausforderungen, die die Schule nun einmal an Kinder und Jugendliche herantragen muss, zu stellen; sie sind diesen ausgewichen und haben das in ihnen vorhandene Potential nicht ausgeschpft. Sie haben sich weder durch geduldiges Zureden noch durch strenge Manahmen dazu bewegen lassen, ihre Pflichten zu erfllen, sondern sind der Schule tagelang und z. T. wochenlang unentschuldigt ferngeblieben, oder waren zwar anwesend, ohne sich aber fr den Unterricht und die Inhalte tatschlich zu interessieren.

An dieser Stelle kann ich nicht umhin zu prognostizieren, dass diese Wenigen den Anforderungen, die auch in Zukunft an sie herangetragen werden, wohl nicht gewachsen sind.

Deswegen ist die erste Zahl, die ich jetzt nenne, eine auch fr uns bittere:

und immerhin

Ich denke trotz der zwischenzeitlich angeschlagenen kritischen Tne eine Bilanz, die sich insgesamt sehen lassen kann und die insbesondere dadurch aufgewertet wird, dass vielen von euch dieser Erfolg vor 6 Jahren nicht vorausgesagt werden konnte.

Ich gratuliere also ganz, ganz herzlich.

Ich schliee mit drei Wnschen:

Denen, die es bisher noch nicht geschafft haben, ihre Mglichkeiten auszuschpfen und sie zu erweitern, wnsche ich, dass es ihnen noch gelingen mge.

Denen, an die man schon immer hohe Erwartungen stellte, wnsche ich, dass sie sie auch weiterhin erfllen.

Denen, die sich ihre Mglichkeiten erst erarbeiten und sie entdecken mussten, wnsche ich, dass diese Entdeckungsreise weiter geht.

Euch allen alles Gute.

Page last modified on Januar 28, 2007, at 11:36 EST